Gier, Auftragsmorde und der russische Geheimdienst: Hinter den Kulissen des größten Cannabisbetrugs aller Zeiten

"Stand: 11.08.2024. Mögliche Änderungen oder Aktualisierungen finden Sie im Originalartikel hier."

Gier, Auftragsmorde und der russische Geheimdienst: Hinter den Kulissen des größten Cannabisbetrugs aller Zeiten

Hunderttausende von Anlegern fielen auf das Versprechen von Juicy Fields herein: Jeder kann mit medizinischem Cannabis reich werden. Jetzt hat CORRECTIV zusammen mit sieben Medienpartnern in vier Ländern die Netzwerke der Verantwortlichen aufgespürt. Die Untersuchung deckt auf, wie eine Gruppe mutmaßlicher Serienbetrüger aus Russland eine Plünderungskampagne in Europa gestartet hat.

Er soll Millionen in die Tasche gesteckt haben. Von Menschen, die seinen Versprechungen geglaubt haben.

Er sitzt jetzt in einem spanischen Gefängnis und schickt eine E-Mail voller Sarkasmus, zwinkernder Emoticons und kalter Drohungen.

Sergei Berezin gilt als der Drahtzieher des größten Cannabisbetrugs aller Zeiten. Hunderttausende von Menschen investierten Geld in Juicy Fields und verloren es. Doch Berezin gibt anderen die Schuld: "Ich selbst habe Anschuldigungen gegen zahlreiche an dem Projekt beteiligte Personen", schreibt er, "und ich weiß, dass eine Bestrafung für ihren Verrat unvermeidlich ist.

In Berlin-Moabit sitzt Oberstaatsanwältin Ina Kinder in ihrem Büro, das von drei Seiten von Regalen umgeben ist, die bis zum Boden mit roten Ordnern gefüllt sind, die jeweils einen Bericht über den Fall Juicy Fields enthalten. "Wir wissen, wer dahintersteckt, und dass die oberste Ebene wahrscheinlich mit der russischen Mafia verbunden ist", sagt sie. "Aber in Russland können wir nicht weiter gehen."

In der Nähe geht ein Mann, der sich Neo nennt, durch die Lobby eines Vier-Sterne-Hotels. Er ist dort, um eine Botschaft zu überbringen: Glaubt den Geschichten über kriminelle Russen nicht. "Wenn Sie sagen: Russenmafia, dann ist das ernst gemeint. Das ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen", sagt er und ruft dann in die Stille des Raumes: "Es gibt keine Mafia".

Juicy Fields war der Name der Online-Plattform, die Folgendes versprach: Jeder kann mit medizinischem Cannabis reich werden. Es ist ganz einfach, nur ein paar Klicks, dann wachsen die Pflanzen ohne Risiko, und nach etwa drei Monaten kann man anfangen zu ernten.

Nun steht der Name Juicy Fields für einen Betrugsfall von enormen Ausmaßen. Er verbindet 186.000 betrogene Anleger mit einer kleinen Gruppe von mutmaßlichen Serienbetrügern in Russland.

Der Häftling im spanischen Gefängnis, der Staatsanwalt und der Mann mit dem falschen Namen "Neo".

Berlin und St. Petersburg.

Organisiertes Verbrechen und Crowdfunding.

Für das Berliner Landeskriminalamt ist Juicy Fields der größte Fall, den es je untersucht hat. Er hat international Schlagzeilen gemacht, in Deutschland hat die Zeitschrift Finanztest als erste darüber berichtet. Es gibt einen Podcast der Deutschen Welle und eine ZDF-Dokumentation.

Ein Thriller mit russischen Grafen und Gangstern.

Nun hat CORRECTIV in Zusammenarbeit mit DR (Dänischer Rundfunk), Spiegel, Paper Trail Media, ZDF, dem niederländischen Sender BNNVARA, Der Standard in Österreich und Svenska Dagbladet in Schweden rund ein Jahr lang recherchiert. Das Reporterteam sprach mit Zeugen, Überläufern, ehemaligen Managern, Ermittlern und Experten, analysierte Firmennetzwerke, Zahlungsströme und wertete geheime Dokumente aus.

Die Ermittlungen bieten einen neuen Blick hinter die Kulissen des organisierten Verbrechens made in Russia: Sie zeigen, wie eine Bande internationaler Gangster einen Stützpunkt in Berlin einrichtete, um eine ausgeklügelte Täuschungsmaschinerie aufzubauen, und nach deren Zusammenbruch weiter versuchte, die Opfer zu täuschen.

Es ist ein Fall wie ein Thriller, ein Krimi mit Auftragsmorden, gefälschten Grafen, goldenen Lamborghinis, Liechtensteiner Fonds, Paketbomben und Verbindungen zur russischen Unterwelt.

Russische Cyberkriminalität: Angriffe auf Europa

Der Bereich der Internetkriminalität wächst seit Jahren rasant. Im April hat ein internationales Forscherteam den ersten "Global Cybercrime Index" veröffentlicht. Das Ergebnis ist sehr beunruhigend. Der größte Teil der Bedrohung geht von einigen wenigen Ländern aus, wobei Russland an der Spitze der Liste steht. Forscher und Experten sehen den Cyberbetrug auch als einen Angriff des Kremls auf die demokratischen Staaten in Europa. "Eine Taktik der russischen Kriegsführung ist der Einsatz des organisierten Verbrechens als Instrument der Staatspolitik im Ausland", schreibt der führende Russland-Experte Mark Galeotti in einem Bericht.

Für diejenigen, die in das System gefallen sind, bedeutet Juicy Fields vor allem einen persönlichen Schlag. Einige haben ihre Ersparnisse verloren. Das Leben wurde ruiniert, Pläne wurden zerstört.

"Für mich ist das eine Enttäuschung über mich selbst. Dass ich mich von denen habe verarschen lassen", sagt ein 45-jähriger Sozialarbeiter aus Lübeck. Der Mann ist chronisch krank und hat nicht viel Ersparnisse, 7.500 Euro. Also fragte er einen Freund um Rat: "Hast du eine Idee, wie man die Rente aufbessern kann? Der Freund empfahl Juicy Fields, nun ist das Geld weg: "Ich bin in eine richtige Depression gefallen", sagt der Sozialarbeiter, "und das wirkt bis heute nach".

Ein Schneeballsystem mit Hunderttausenden von Opfern

Das Juicy Fields-System bot eine Fantasie mit Cannabisfarmen auf der ganzen Welt und schwindelerregenden Renditen: Anleger konnten ihr Geld in ein virtuelles Gewächshaus stecken, um in medizinisches Cannabis zu investieren. Für jede digitale Pflanze sollte eine reale Pflanze wachsen, und wenn sie geerntet und verkauft wurde, machten die Anleger riesige Gewinne.

Aber offenbar gab es kein Produkt, kaum Cannabis, und die Plantagen waren nur zur Schau. Die Polizei spricht von einem Schneeballsystem: Offenbar wurden frühere Investoren mit dem Geld späterer Investoren bezahlt. Das funktionierte eine Zeit lang. Doch im Juli 2022 konnten die Nutzer nicht mehr auf ihre Konten zugreifen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Betreiber bereits mit dem Geld aus dem Staub gemacht.

Doch schon bald begannen neue Versprechungen im Internet und auf Telegram zu kursieren. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Kapitel 1: Berlin: Eine Firmenfront, ein falscher Regisseur und ein Auftragsmord

Der Anfang vom Ende liegt in einer Berliner Straße im Bezirk Schöneberg, in der Potsdamer Straße 147. Der Verkehr rauscht vorbei an schmutzigen Fassaden, umgeben von billigen Kosmetikstudios, Kiosken und Wettbüros. Hier hatte die Juicy Grow GmbH ihren Sitz. Am 6. November 2019 wird das Unternehmen mit Victor Bitner als Geschäftsführer registriert, einem Deutschen russischer Herkunft, geboren 1969 in Nowodolinka, Kasachstan, damals Teil der Sowjetunion.

Viel ist über ihn nicht bekannt: Laut britischem Unternehmensregister gründete er eine Firma für tragbare Würstchengrills, die offenbar nur Schulden anhäufte und liquidiert wurde. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Männer, und Bitner ist einer von ihnen. Der zweite trägt einen Adelstitel, lebt in einer denkmalgeschützten Villa in Berlin-Grunewald und hatte mehrere Kapital- und Investmentfirmen an einer eleganten Adresse am Kurfürstendamm.

Die Juicy Grow GmbH richtete in der Potsdamer Straße einen Laden mit einer Markise und einem Cannabis-Logo ein. Heute befindet sich dort stattdessen ein Friseursalon. Der Fall Juicy Fields zeigt, wie die Betrüger zunächst an Strukturen in der russischen Community anknüpften. Das Lokal war zuvor ein Spielautomatencafé, das einem Mann namens Wladimir M. gehörte. Die Miete wurde in der Regel in bar bezahlt, bis Juicy Grow auftauchte. Im Februar 2022 wurden die Räumlichkeiten geräumt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Juicy Fields Berlin bereits verlassen.

Auf der Suche nach Narren und Aushängeschildern

Das Unternehmen scheint nur eine Fassade gewesen zu sein, und Bitner hat wahrscheinlich nur als Aushängeschild fungiert. Er reagierte nicht auf Anfragen von CORRECTIV und seinen Medienpartnern. Ein anonymer Zeuge erklärte: "Schon damals hatte ich das Gefühl, dass sie nach Dummköpfen suchten, nach Leuten, die ihren Namen hergeben würden".

Nach Ansicht von Experten ist es praktisch unmöglich, dass ein Betrug dieses Ausmaßes in Russland ohne das Wissen oder die Unterstützung der Geheimdienste organisiert werden kann. Obwohl es keine direkten Beweise für eine Zusammenarbeit gibt, gibt es mehrere Verbindungen.

Zwielichtige Verbindungen zu russischen Geheimdiensten

Bitner hatte Berichten zufolge Kontakte zu russischen Geheimdiensten. Im Jahr 2018 berichtete die New York Times über eine gescheiterte russische Geheimdienstoperation in Berlin, bei der ein anonymer Russe den USA kompromittierendes Material über Trump anbot. Laut CORRECTIV handelte es sich dabei um Bitner, der später als Direktor von Juicy Grow auftrat. Im März 2020 ging die Website von Juicy Fields online und nutzte die Debatte über die Legalisierung von Cannabis in Deutschland.

Der Mann für die Drecksarbeit

Im Frühjahr 2021 reiste Igor Kekshin, der Sicherheitschef von Juicyfields, nach Berlin, um Probleme zu lösen. Die russischen Bosse hatten den Verdacht, dass Bitner 1,5 Millionen Euro gestohlen hatte und verschwunden war. Kekshin behauptet, sein Auftrag sei es, ihn zu finden und zu kontrollieren. Er verdiente 50.000 Euro im Monat und erwartete am Ende des Projekts einen Bonus. Nach seinen Angaben erhielt er jedoch den Befehl, Bitner zu ermorden, den er nicht ausführte.

Kekshin erklärte, er habe sich gegenüber seinen Kontakten in der russischen Mafia verpflichtet, Bitner nicht zu schaden, und könne dieses Versprechen nicht brechen.

Kapitel 2: Die russische Verbindung

Kekshin, ein ehemaliger, auf Wirtschaftskriminalität spezialisierter Polizist in St. Petersburg, wurde kriminell und saß wegen Entführung, Erpressung und Freiheitsberaubung im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er von Jewgeni Prigoschin, dem Chef der Wagner-Gruppe, einer russischen paramilitärischen Organisation, angeworben. Kekshin sagte, er habe von Anfang an gewusst, dass es sich bei Juicy Fields um ein betrügerisches Projekt handelte, mit dem Geld von Investoren gestohlen werden sollte.

Markevich, eine weitere beschuldigte Person, besaß mehrere Unternehmen in Russland, darunter eine Drohnenfabrik mit dem Emblem des russischen Verteidigungsministeriums. Experten weisen darauf hin, dass solche kriminellen Operationen in Russland politischen Schutz erfordern, der als "kryscha" (Dach) bezeichnet wird.

Cyberkriminalität als hybride Kriegsführung

Experten wie Olga Lautman von CEPA argumentieren, dass ein groß angelegter Betrug wie Juicy Fields in Russland ohne staatliche Genehmigung kaum möglich wäre. Er wird als Teil einer Strategie der hybriden Kriegsführung gesehen, die darauf abzielt, Chaos und Misstrauen in die westlichen Systeme zu stiften.

Kapitel 3: Finanziers und Adlige: Die Manager hinter den Kulissen

Im Jahr 2021 begann Juicy Fields, sich in den sozialen Medien zu präsentieren, mit Bildern von goldenen Lamborghinis und großen Veranstaltungen. Die Investoren teilten Screenshots ihrer angeblichen Gewinne. Im Herbst 2021 kaufte die Juicy Grow GmbH 20% von einer Schweizer Firma, die später in Juicyfields AG umbenannt wurde. Das Unternehmen umgab sich mit Menschen mit Adelstiteln.

Friedrich Ulrich Graf von Luxburg, einer der mutmaßlich Beteiligten, bestritt seine Beteiligung an Juicy Fields und behauptete, er habe lediglich ein Unternehmen verkauft. Zeugen behaupten jedoch, dass er sich als leitender Anwalt der Plattform vorgestellt hat. Aus den Unterlagen geht hervor, dass der Betrug über komplexe Strukturen in mehreren Ländern organisiert wurde.

Der Zusammenbruch von Juicy Fields

Im Juli 2022 konnten die Anleger nicht mehr auf ihre Konten zugreifen, und auf Telegram durchgesickerte Dokumente enthüllten Verbindungen zur russischen Mafia. Stieger, ein Schweizer Finanzier, gab zu, dass er selbst die Dokumente durchsickern ließ, um die Wahrheit zu enthüllen.

Kapitel 4: Geldwäschenetze

Nach dem Zusammenbruch von Juicy Fields deckten die Ermittlungen ein internationales Netz von mehr als 50 Unternehmen in 20 Ländern auf, die an der Geldwäsche beteiligt waren. Die iSX-Bank in Zypern war eine der Einrichtungen, die für den Transfer von Geldern zwischen verschiedenen Ländern genutzt wurde. Als die Konten eingefroren wurden, blieben nur einige Millionen Euro übrig.

Die Garantex-Krypto-Brokerage in Moskau wurde als ein wichtiges Ziel für die Gelder identifiziert, die mit terroristischen Aktivitäten und der russischen Regierung in Verbindung stehen.

Kapitel 5: Die Jagd nach Vordenkern

Nach dem Zusammenbruch von Juicy Fields verschwanden die Anführer. Berezin war in der Karibik, während andere in Russland und Europa waren. Staatsanwältin Ina Kinder bearbeitete Tausende von Anzeigen und hatte es mit einem komplexen System der organisierten Kriminalität zu tun.

Im Jahr 2024 gelang es in einer gemeinsamen Operation, an der 400 Agenten in 11 Ländern beteiligt waren, 13 Verdächtige zu verhaften, darunter Berezin und Victor Bitner. In Berlin wurde Friedrich von Luxburg in seiner Villa verhaftet, obwohl Markevich entkommen konnte.

Die Untersuchung geht weiter

Die Staatsanwälte stehen vor Schwierigkeiten, weil Russland nicht kooperiert und es daher schwierig ist, das Geld aufzuspüren und die beteiligten Kriminellen zu verhaften.

Kapitel 6: Replikationen und die große Farce geht weiter

Inmitten der Ermittlungen machten die Betrüger den Anlegern neue Versprechen, das verlorene Geld zurückzugeben. Über Websites und Telegram-Kanäle versuchten sie, die Öffentlichkeit abzulenken und falsch zu informieren.

Ein wichtiger Zeuge, Igor Kekshin, zog seine Aussagen in einem maskierten Video zurück und behauptete, zum Lügen gezwungen worden zu sein. Später behauptete er jedoch, dass seine ursprünglichen Aussagen wahr seien und Berezin ihm erneut einen Job angeboten habe.

Die Kriminellen, die hinter Juicy Fields stecken, scheinen weiterhin aktiv zu sein und setzen Desinformationstaktiken und Drohungen ein. Die Staatsanwälte unter der Leitung von Ina Kinder bereiten weiterhin Anklagen gegen die Hauptakteure vor, obwohl sie nach wie vor mit einem komplexen internationalen Geldwäschenetzwerk konfrontiert sind.

CORRECTIV

Dies ist eine Untersuchung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert wird. Das Redaktionsteam widmet sich dem investigativen Journalismus und untersucht strukturelle Probleme in der Gesellschaft. Mehr Informationen unter correctiv.org.

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